Self-Care oder Selbstsabotage?

Social Media ist heute ein riesiger Teil davon, wie wir mit der Welt interagieren.

Unterhaltung, Rezepte, Sprüche, in denen man sich wiedererkennt, und manchmal sogar ein bisschen Weisheit – je nachdem, wohin der Algorithmus dich gerade führt.

Und irgendwann wurde Self-Care zu einem ganzen Lifestyle.

Journaling. Pilates. Matcha. Skincare. Morgenroutinen. Grenzen. Protecting your peace.

Es gibt einen konstanten Strom an Content, der uns erklärt, wie wir uns um uns selbst kümmern sollen, wie wir uns selbst priorisieren sollen, wie wir aufhören sollen, Dinge zu tolerieren, die uns unglücklich machen, und wie wir uns ein Leben aufbauen, das sich gut anfühlt.

Und ich glaube nicht, dass irgendetwas davon grundsätzlich schlecht ist.

Ganz im Gegenteil.

Aber irgendwann habe ich angefangen, mich zu fragen:

Kümmern wir uns wirklich um uns selbst, oder sind wir einfach nur richtig gut darin geworden, Unangenehmes zu vermeiden?

Ich glaube, irgendwo auf dem Weg haben wir angefangen, uns besser zu fühlen mit tatsächlich besser werden zu verwechseln.

Und das ist nicht immer dasselbe.

Self-Care wurde zur Ästhetik

Man sieht es überall.

Kauf dir ein Bullet Journal. Trink deinen Matcha. Mach Pilates. Bau dir eine Morgenroutine. Zünd eine Kerze an. Hab eine Skincare-Routine.

Und irgendwie wird sich dein Leben dann schon von selbst zusammenfügen.

Gleichzeitig ist das Setzen von Grenzen zu einem eigenen Social-Media-Trend geworden.

Öffne YouTube und du findest Titel wie:

"Versteh, wie wertvoll du bist."

"Grenzen werden dich befreien."

"Fokussier dich auf dich selbst – mit Grenzen."

"Grenzen zu setzen ist nicht egoistisch."

"Hör auf, Bullshit zu tolerieren."

Und auch hier gilt: Keine dieser Botschaften ist grundsätzlich falsch. Viele davon sind wirklich wertvoll.

Das Problem beginnt, wenn Self-Care zu einer Formel wird, statt zu etwas, über das du tatsächlich nachdenkst.

Du kannst die perfekte Morgenroutine haben und trotzdem das vermeiden, was dich beschäftigt.

Du kannst jeden Morgen journalen und trotzdem keine Verantwortung übernehmen.

Du kannst fünfmal pro Woche Pilates machen und dich trotzdem selbst nicht ausstehen können.

Du kannst perfekt kuratierte Grenzen haben und trotzdem schwierigen Gesprächen aus dem Weg gehen.

Die Ästhetik von Self-Care ist nicht zwangsläufig dasselbe wie sich tatsächlich um sich selbst zu kümmern.

Und ich finde, Grenzen sind dafür ein besonders interessantes Beispiel.

Was ist eine Grenze eigentlich?

Ich bin ein großer Fan von Grenzen.

Gerade weil so viele Menschen erst lernen müssen, Nein zu sagen. Sie überfordern sich selbst, indem sie ständig die Bedürfnisse anderer an erste Stelle stellen, Verantwortung für die Gefühle aller übernehmen und mehr geben, als sie eigentlich geben können. Ich glaube, wir waren alle schon mal an diesem Punkt.

Nein sagen zu lernen kann unglaublich gesund sein.

Aber eine Grenze ist nicht einfach:

"Ich habe keine Lust darauf, also muss ich es nicht tun."

Eine Grenze beschreibt, was du akzeptierst und was nicht - und was du als Reaktion darauf tun wirst.

Und das ist ein wichtiger Unterschied.

Unwohlsein ist nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass etwas ungesund ist.

Ein schwieriges Gespräch kann dich nervös machen, ohne schädlich zu sein.

Kritik kann wehtun, ohne ein Angriff zu sein.

Sich zu entschuldigen kann unangenehm sein, ohne dass du dich dabei selbst verraten hast.

Und manchmal hast du einfach keine Lust auf etwas.

Das ist nicht unbedingt eine Grenze. Manchmal ist es einfach ein Gefühl von Unwohlsein, dem du lieber aus dem Weg gehen würdest.

Und genau da würde ich sagen: Moment mal.

Ich glaube, wir sind sehr gut darin geworden, Unwohlsein zu erkennen, aber vielleicht nicht immer genauso gut darin, uns zu fragen, woher es kommt und was wir damit anfangen sollen.

Manchmal ist die richtige Reaktion auf Unwohlsein, zu gehen.

Manchmal ist es, eine Grenze zu setzen.

Und manchmal?

Ist es, es auszuhalten.

Wir leben nicht isoliert

Und hier wird die ganze Sache für mich größer als nur Self-Care.

Wir werden ständig dazu ermutigt, uns zu fragen:

"Was brauche ich?"

Und das ist eine wichtige Frage.

Aber wir leben nicht allein auf einer Insel.

Wir haben Freunde. Partner. Familien. Kollegen. Communities. Und diese Beziehungen bringen Verantwortung mit sich.

Genau hier können sich besser zu fühlen und sich wirklich mit etwas auseinanderzusetzen zu zwei völlig verschiedenen Dingen werden.

Du kannst das unangenehme Gespräch absagen und fühlst dich sofort erleichtert. Du kannst der Person aus dem Weg gehen, die dich verletzt hat, und fühlst dich plötzlich ganz friedlich. Du kannst dich mit einer Morgenroutine, einem Workout, einem Journal oder einem Matcha Latte ablenken und das Gefühl haben, etwas für dich getan zu haben.

Und manchmal hast du das auch.

Aber manchmal vermeidest du einfach etwas, das eigentlich geklärt werden müsste.

Das Schwierige ist: Du kannst dir nicht immer die Option aussuchen, die sich im Moment am besten anfühlt.

Wenn du deiner Freundin versprichst, ihr am Samstag beim Umzug zu helfen, kannst du am Samstag nicht einfach sagen: „Eigentlich schütze ich gerade meinen Frieden.“

Vielleicht bist du wirklich überfordert und musst absagen. Natürlich ist das erlaubt.

Aber wenn du immer wieder nicht auftauchst, sobald etwas unbequem wird, und gleichzeitig erwartest, dass alle anderen für dich da sind, dann ist das irgendwann keine Self-Care mehr.

Dann ist es Unzuverlässigkeit im Self-Care-Gewand.

Manchmal musst du Unangenehmes aushalten, um eine Freundschaft zu reparieren.

Du musst Kritik aushalten, um zu wachsen.

Du musst unangenehme Gespräche führen, um jemanden wirklich zu verstehen.

Du musst Dinge tun, auf die du keine Lust hast, weil du dich dazu verpflichtet hast.

Und manchmal musst du die Bedürfnisse einer anderen Person vor deine eigenen stellen.

Nicht, weil du dich selbst nicht wertschätzt.

Nicht, weil du ein People Pleaser bist.

Sondern weil auch andere Menschen zählen.

Das ist Gegenseitigkeit.

Ein bisschen mehr Nuance

Self-Care bedeutet nicht, dich selbst zu ignorieren. Aber es bedeutet auch nicht, deinen Komfort in jeder Situation zur obersten Priorität zu machen.

Manchmal bedeutet, sich um sich selbst zu kümmern, Nein zu sagen.

Manchmal bedeutet es, zu gehen.

Manchmal bedeutet es, sich auszuruhen.

Und manchmal bedeutet es, trotzdem aufzutauchen.

Denn manchmal ist die gesündere Entscheidung nicht die bequemere.

Sich um sich selbst zu kümmern sollte nicht bedeuten, dass du aufhören musst, dich um die Menschen zu kümmern, die dir wichtig sind.

Ich glaube, worauf ich eigentlich hinauswill, ist: Manchmal fühlt man sich einfach nur vorübergehend besser. Und manchmal ist genau das, was man braucht. Dagegen will ich gar nicht argumentieren.

Ich war auch schon oft an diesem Punkt. Manchmal gibt mir der Matcha nach einem langen Tag das Gefühl, mein Leben halbwegs im Griff zu haben, wenn ich ehrlich bin. Ich möchte mich auch nicht auf irgendein moralisches Podest stellen und hier erzählen, dass du keine Ahnung hast, wie man Grenzen setzt oder was gut für dich ist.

Ich versuche vielmehr, zu hinterfragen, was Self-Care in der heutigen Welt eigentlich bedeutet und welche möglichen Nachteile entstehen, wenn wir aufhören, uns zu fragen, warum wir etwas tun.

Ich glaube, das ist eine ziemlich unangenehme Unterscheidung.

Der Satz „Protect your peace“ ist für mich dabei besonders interessant, weil Frieden nicht immer das höchste Gut ist.

Manchmal musst du deinen Frieden stören, um dir ein besseres Leben aufzubauen.

Ich glaube nicht, dass wir weniger Self-Care brauchen. Wir brauchen nur ein bisschen mehr Nuance.

Den Unterschied zu erkennen, ist der schwierige Teil – und irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir darin schlechter werden. Vielleicht regt dieser Beitrag dich also dazu an, bewusster darauf zu achten, wie und wann du Grenzen setzt.

Und das bringt mich zurück zum Anfang.

Journaling, Pilates, Matcha, Skincare, Morgenroutinen und der ganze Rest können wunderbar sein.

Aber sie sind Werkzeuge.

Sie sind kein Ersatz für Selbstreflexion.

Vielleicht geht es bei echter Self-Care nicht darum, ein Leben zu schaffen, in dem nichts wehtut.

Vielleicht geht es darum, ein Mensch zu werden, der weiß, was verändert werden sollte, was ausgehalten werden kann, womit man sich auseinandersetzen muss - und was man loslassen darf.

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Die Kunst, seine Meinung zu ändern, ohne sich dafür zu rechtfertigen